Beles, belles…
Im Herzen des 13. Jahrhunderts, im nordfranzösischen Raum, entsteht ein ebenso seltenes wie faszinierendes poetisches Korpus: die chansons de toile, auch chansons d’histoire genannt. Diese in altfranzösischer Sprache (langue d’oïl) verfassten Gedichte, überliefert in mittelalterlichen Handschriften, verleihen einem weiblichen „Ich“ ihre Stimme, welches mit überraschender Kraft und zugleich grosser Zartheit das Recht auf liebendes Begehren einfordert.
Charakteristisch für diese Kompositionen ist die enge Verbindung von Erzählung und alltäglicher Geste: Die junge Protagonistin adligen Standes singt, während sie liest, webt oder stickt. Die Beschäftigung mit der toile, dem Stoff, ist dabei weit mehr als blosse Rahmung – sie wird zur Metapher einer sich dehnenden Zeit, des Wartens und der Trennung vom Geliebten. In einer Epoche, in der das höfische Ideal allmählich zu bröckeln beginnt, versuchen diese weiblichen Figuren, Langeweile und Verzweiflung durch Imagination und Gesang zu überwinden und verwandeln die häusliche Tätigkeit in einen Raum der Rêverie und der inneren Selbstbehauptung.
Schönheit und Begehren durchziehen diese Texte mit nahezu ritualhafter Eindringlichkeit: Das Adjektiv bele kehrt wie ein Leitmotiv wieder und beschwört leuchtende Gestalten wie Bele Yolanz oder Bele Doette. Weibliche Schönheit erscheint hier nicht als passives Objekt, sondern als aktive Kraft, die Wort, Musik und Erzählung hervorbringt. Zwischen archaisierender epischer Dichtung und Liebeslyrik zeichnen die chansons de toile vielfältige Wege der Liebe nach – geprägt von Distanz, Hindernissen und Schwebezuständen.
Aus musikalischer Perspektive sind diese Lieder wahre klangliche Kleinode. Die teils reich verzierten Melodielinien verlangen grosse interpretatorische Feinheit und lassen die Spannung der gedehnten Zeit sowie das unerfüllte Begehren besonders deutlich hervortreten. Ob von Frauen verfasst oder nicht: Die Stimme, die sie durchzieht, spricht von ihnen und für sie – jenseits der Grenzen der ihnen zugewiesenen geschlossenen Welt. Die musikalische Ausführung, orientiert am mittelalterlichen Ideal weiblicher Schönheit, wird so zu einem integralen Bestandteil des Ausdrucks amorösen Begehrens.
Der Busant
Peter Bichsels Der Busant, 1985 bei Luchterhand erschienen, trägt den Untertitel „Von Trinkern, Polizisten und der schönen Magelone“. Die Novelle spielt mit dem Stoff einer mittelalterlichen Liebes- und Abenteuergeschichte und verlegt sie in eine moderne Alltagswelt. Busant heisst ein reicher Heimwehsolothurner, mit dessen Geld Solothurns Altstadt „schöngemacht“ wird. Busant ist aber auch der Name des Vogels, der die mittelalterliche Geschichte von der schönen Magelone und dem Grafen Peter von Provence, die Geschichte einer lebenslangen Liebe und Suche, ausgelöst hat. Und die schöne Magelone ist nicht nur eine Königstochter aus dem fernen Neapel, sondern auch eine ewig betrunkene Sekretärin oder Serviertochter aus dem heutigen Solothurn.
Bichsel entzaubert den mittelalterlichen Liebesroman, indem er seine grossen Motive – Treue, Suche, Schicksal – in eine kleinbürgerlich-verwaltete Moderne stellt. Die Figuren sind nicht mehr heroisch, sondern funktional: Sekretärinnen, Angestellte, Reisende. Liebe wird nicht verhindert durch Drachen oder Wälder, sondern durch Routine, Spracharmut, soziale Rollen und institutionelle Abläufe. Das Tragische ist nicht das Unglück, sondern die Normalität.
Podiumsdiskussion
Im Rahmen einer Podiumsdiskussion leitet SRF-Moderatorin Eva Oertle das Gespräch mit Musiker:innen des Festivals. Es treffen unterschiedliche Perspektiven aus Praxis, Forschung und Vermittlung aufeinander und beleuchten die Frage, wie wir Alte Musik heute neu erleben und erlebbar machen können.